Der gute Geist der Heide

Pfingsten 1993 war ich das erste Mal mit ihm in der Lüneburger Heide auf Tour – da war Gerd Paschi 61 Jahre alt, frühpensionierter Postler und leidenschaftlicher Wanderer. In der Lüneburger Heide kannte er buchstäblich jede Heidschnucke beim Namen und jeden noch so versteckten Trampelpfad – weshalb er auch nicht nach Karte wanderte; die Wege, die er ging, waren auf den offiziellen Wanderkarten oft genug gar nicht vorhanden …

„Pfingsten in der Heide“ wurde bald schon zum fixen Termin, auf den ich mich jedesmal schon Monate im voraus freute. War mir manche Meinung von Gerd zunächst noch etwas suspekt, so änderte sich dies durch meine langsame Abkehr vom Christentum und ich konnte Aussagen wie „Mein Gott ist im Wald“ oder die Bitte „Lieber Baum – gib uns deine Kraft“ an eine Jahrhunderte alte Eiche nicht nur stehen lassen, sondern sogar nachvollziehen.

In manchen Jahren war ich gleich zweimal mit Gerd unterwegs: Erst zu Pfingsten und dann eine ganze Woche im August, wenn die Lüneburger Heide in voller Blüte steht. Natürlich freute ich mich auch auf die Buchweizentorte, die es traditionell am Ende der Wanderungen gab …

Auch an Gerd gingen die Jahre nicht spurlos vorüber und so entschloss er sich schweren Herzens, die Touren nach fast vierzig Jahren abzugeben. Dass Gerd mich bat, erst die Pfingst- und später auch noch die Heideblüte-Wanderung zu übernehmen, war für mich wie ein Ritterschlag und eine grosse Ehre.

Gemeinsam mit Andrea habe ich dann beide Touren weitergeführt – bis das Deutsche Jugendherbergswerk als Veranstalter der Meinung war, ein oder zwei Jahre zu pausieren. Die Pause dauert bis heute an …

In den letzten Jahren ging es Gerd körperlich immer schlechter, immer seltener war er in der Lage, die Wanderschuhe zu schnüren und in der von ihm so geliebten Heide unterwegs zu sein. Vor einigen Tagen nun erhielt ich von seinem Sohn die Mitteilung, dass Gerd bereits 2019 nach einer Herz-Operation nicht mehr aufgewacht ist – und er seine „letzte Wanderung“ angetreten hat, wie es im Nachruf heisst.

Dass diese Wanderung ihn in die Heide führt, daran besteht für mich kein Zweifel. Und es sollte mich nicht wundern, wenn demnächst Touristen, die sich in der Heide verirrt haben, von einem freundlichen, weisshaarigen Wanderer in beiger Jacke berichten, der aus dem Nebel auftauchte, sie zielsicher zu ihrem Parkplatz geführt hat – und danach ebenso plötzlich wieder verschwunden war – der gute Geist der Heide…

Detlef

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