Slan abhaile,¹ Ulick …

Im September 1982 sass ich abends in Regensburg vor der Jugendherberge, als mich jemand auf Englisch fragte, wo denn hier die Jugendherberge wäre … Ich zeigte hinter mich und erklärte ihm „You’re in front of it!“ Er bedankte sich und ging zur Anmeldung.

Später trafen wir uns wieder, da wir im gleichen Schlafsaal untergebracht waren. Damals gab es noch Schlafräume mit acht, zehn oder noch mehr Betten in deutschen Jugendherbergen und wildfremde Wanderer und „Backpacker“ wurden gemeinsam in ein Zimmer gelegt. Man traf Leute „aus aller Herren Länder“, tauschte Tipps über Sehenswürdigkeiten und preiswerte Verpflegungsmöglichkeiten aus und  schloss (Brief-) Freundschaften, die oft über Jahre hielten. Oder, wie in diesem Fall, ein Leben lang …

Wir kamen schnell ins Gespräch. Mein neuer Zimmerkamerad war Ire,  hiess Ulick (die irische Variante von „Wilhelm“), kam aus Killiney in der Nähe von Dublin, war – so wie ich – auf „Deutschland-Tour“ und als „guter Ire“ tief in der römisch-katholischen Kirche verwurzelt – was ich damals, als frisch bekehrter „Evangelikaler“ überhaupt nicht verstehen konnte …

Wir erkundeten einige Tage gemeinsam Süddeutschland, bevor sich unsere Wege trennten – nicht, ohne unsere Adressen auszutauschen. Es begann ein reger Briefverkehr. 1985 kam Ulick zum „Rhein in Flammen“ in Koblenz nach Deutschland. Auf dem Weg dorthin besuchten wir die  Brücke von Remagen und das dort untergebrachte „Friedensmuseum“. Für Ulick als Student mit Schwerpunkt „Militär- und Kriegsgeschichte“ mehr als interessant. Ach ja, und wir weihten gemeinsam meine neue Wohnung in Porz ein (09. August  1985).

1989 war Ulick nochmals auf Stippvisite hier  und 1992 machte ich dann – mit meiner damaligen Verlobten und späteren ersten Ehefrau – den längst überfälligen Gegenbesuch in Irland: Vor einer geführten zwei-Wochen-Rundreise auf der „Grünen Insel“ verbrachten wir eine Woche in Killiney bei Ulicks Eltern. Er hatte sein Studium zwischenzeitlich beendet, arbeitete als Lehrer auf den Kanarischen Inseln und hatte dort mit Conchi die Liebe seines Lebens gefunden.

2012 in Lüneburg
2012 in Lüneburg

Wir haben uns immer wieder mal gegenseitig besucht, alleine oder mit Frau und heranwachsenden Kindern. Bis wir E-Mails als Kommunikationsmittel einsetzten, verging noch einige Zeit, denn Ulick hatte – wenn ich mich recht entsinne – noch nach dem Jahr 2000 einen PC mit Windows 3.1,  dafür ohne Internet-Anschluss.  Irgendwann erreichten Facebook und WhatsApp auch die Kanarischen Inseln und somit auch Ulick  😉

Da wir uns schon längere Zeit nicht mehr gesehen hatten, schlug ich  Ulick irgendwann vor, den vierzigsten Jahrestag unseres Treffens in Regensburg zu feiern – und erhielt von ihm die Antwort, dass er keine feste Zusage machen könne, da er im Moment krankheitsbedingt in seiner Mobilität sehr eingeschränkt wäre.

Dennoch strahlten seine WhatsApp-Mitteilungen fast immer Fröhlichkeit und Zuversicht aus – auch, wenn sich sein Zustand nicht besserte. Das Gegenteil  war leider der Fall. Ich denke, sein unerschütterlicher christlicher Glaube hat ihm die Kraft gegeben, die Schmerzen und den zum Schluss immer schnelleren körperlichen Verfall zu (er-) tragen.

Am Abend des 1. Januar kam dann eine Nachricht von Conchi, mit der ich in den letzten Wochen jeden Tag gerechnet habe:

„Ulick passed away peacefully this afternoon at 3 pm“

Ich habe geflennt – und ich schäme mich der Tränen nicht. Ich habe einen Freund verloren, wie man ihn wohl nur einmal im Leben findet …

Seine Briefe und E-Mails haben mir oft genug  in schwierigen Situtationen Trost und Kraft gegeben. Einmal abgesehen davon, dass er in mir die Liebe zur „Grünen Insel“ und mein Interesse an der irischen Kultur, Sprache  und Geschichte geweckt hat. Mit der Einladung auf die Kanaren hat es leider ebenso wenig geklappt wie der geplante Besuch der NS-Ordensburg Vogelsang und der Schlachtfelder von Hürtgenwald in der Eifel.

Im Lauf der Jahre hatte Ulick auch etwas Deutsch gelernt und es klang immer ein wenig lustig, wenn er Gegebenheiten mit seinem langgezogenen „Waruuuum?“ hinterfragte – eine Frage, die wir  nie mehr hören werden.

Ulick, es war mir eine Ehre, dein Freund sein zu dürfen. Beinahe vierzig Jahre lang, zwei Drittel meines bisherigen Lebens … Jetzt bleibt mir nur  zu sagen

„Go raibh maith agat as do chairdeas!“²

Detlef

¹ „Auf Wiedersehen, Ulick“ auf Irisch
² „Danke für deine Freundschaft!“ auf Irisch

Catweazle Reloaded

Anfang der 1970er Jahre erschien eine schrullige  Gestalt auf Deutschlands Fernsehschirmen, gekleidet in eine zerschlissene, braune Kutte, mit  wild wuchernden Haaren und einem Ziegenbart: Catweazle, der Zauberer. Auf der Flucht vor den Normannen hatte er – wie so oft – den falschen Zauberspruch aufgesagt, und ist in unserer  Gegenwart gelandet.

Cover der ersten Staffel

Gemeinsam mit seiner „Vertrauten“, der Kröte Kühlwalda, stolpert er durch die für ihn unbegreifliche Welt, in der die Menschen die Sonne in durchsichtigen Flaschen eingefangen haben, über weite Entfernungen mittels „sprechender Knochen“ kommunizieren  und im Bauch gezähmter kleiner „Eisendrachen“ reisen …

In zwei Staffeln zu je 13 Folgen spielte der Brite Geoffrey Bayldon den linkischen aber dennoch liebenswerten Magiers. Am Ende der ersten Staffel kann Catweazle kurzfristig in seine Zeit zurück-kehren, wird aber wieder in unsere Gegenwart geschleudert – wieder mal falscher Zauberspruch!

Die letzte Folge der zweiten Staffel lässt offen, ob es Catweazle letztendlich doch die Rückkehr in seine Zeit gelang. Die Voraussetzung für weitere Staffeln war also gegeben. Es gab wohl auch Pläne dafür, die aber nie realisiert wurden. In der vor einigen Jahren erschienenen, liebevoll gestalteten Edition der beiden Staffeln wird u. a. auch darauf eingegangen und jede Folge wird mit Produktionsnotizen, Erstausstrahlung etc. beschrieben.

Mit dem Tod Bayldons 2017 waren die Planungen für eine Fortführung oder ein „Remake“ Makulatur. Denn wer sollte Catweazle nur annähernd so überzeugend spielen können, wie Bayldon?  Ja, wer wohl …

„Oh nein! Bitte nicht!“ war  mein erster Gedanke, als ich erfuhr, dass Otto Waalkes die Hauptrolle in einer deutschen (!) Neuverfilmung spielen würde. Ich befürchtete einen Catweazle, der lediglich  als Transportmittel für Ottos Blödeleien dienen würde!

Ich muss jedoch gestehen, schon der erste Trailer liess meine Bedenken wie das berühmte Kartenhaus zusammenfallen und Andrea und ich beschlossen „Den sehen wir uns an!“ Im Troisdorfer Cineplex  lief der Film leider schon nicht mehr, doch das „Drehwerk 17/19“ in Wachtberg hatte ihn noch im Programm. Anstatt unserer Lieblings-Irish-Folk-Band zu applaudieren (die häufiger im Drehwerk auftritt), lachten wir also diesmal dort über die Fettnäpfchen, in die Catweazle immer wieder tappte und zitterten mit ihm, ob die Rückkehr in seine Zeit gelingen würde. Denn dazu brauchte er seinen Zauberstab, der ihm durch einen dummen Zufall abhanden gekommen war und der sich nun im Besitz einer bösen Hexe – ach nee: einer hinterhältigen Mitarbeiterin eines Auktionshauses befand. Oder war es doch eine Hexe?

Nach dem Kino gönnten wir uns dann bei schönem Wetter noch einen Imbiss auf der Terrasse, bevor es dann wieder Richtung Spich ging – ein gelungener Sonntag 🙂

Detlef

 

 

Er fährt tatsächlich nicht …

(Nachtrag zum Post vom 28. August 2021)

Am 13.09.2021  (also gerade einmal zwei Monate nach meiner E-Mail …) erhielt ich dann doch noch eine Antwort vom Fahrkartenservice, die meiner Meinung nach ein weiteres Beispiel für die Arroganz und Inkompetenz viel zu vieler Bahn-Mitarbeiter ist …

Sehr geehrter Herr Kleiss,

vielen Dank für Ihre E-Mail und entschuldigen Sie bitte, dass wir Ihnen erst jetzt antworten können.

Die von Ihnen genannte Verbindung findet so nicht mehr statt. Dem Anhang können Sie einen alternativ Vorschlag entnehmen.

Zwischen dem Kauf der Fahrkarte und dem Tag Ihrer Reise können sich Änderungen des Fahrplans ergeben – zum Beispiel wegen Bauarbeiten oder weil wir Züge anders zusammenstellen müssen.

Das  muss man sich erst einmal auf der Zunge zergehen lassen  – um sich dann die Haare zu raufen ob solch einer Arroganz gegenüber dem Kunden! Es kann also passieren, dass ich eine Fahrkarte für einen durchgehenden Zug kaufe, weil ich z. B. aufgrund einer Gehbehinderung möglichst selten umsteigen möchte. Am Reisetag stehe ich auf dem Bahnsteig und warte vergeblich, dass mein Zug  angzeigt wird. Der angesprochene DB-Mitarbeiter bei der Zugabfertigung verweist einen schmallippig an den „Service Point“, wo einem angeboten wird, einen anderen Zug zu nehmen, selbstverständlich OHNE Platzreservierung, dafür mit Umsteigen. Auf die Frage, warum man die betroffenen Fahrgäste nicht per E-Mail informiert hat (bei einer online-Buchung bzw. bei Verwendung einer Bahn-Card gebe ich ja meine E-Mail-Adresse an), bekam ich mehr als einmal zu hören, wenn man das machen würde, könnte man den Bahnverkehr wegen Personalmangels direkt einstellen …

Bei einer zu erwartenden Verspätung von weniger als 20 Minuten am Zielort, wird die Zugbindung Ihrer Fahrkarte nicht aufgehoben. Zusätzlich ungeplante Umstiege berechtigen nicht zum Rücktritt von der Reise bzw. Änderung der gebuchten Reiseverbindung.

Wie ich diese Umstiege dann bewältige, ist natürlich nicht das Problem der DB AG! Immer wieder toll zu sehen, wie sich die Schar von Fahrgästen hektisch in Bewegung setzt, wenn am S-Bahnsteig 11 die  Lautsprecherdurchsage kommt, dass die S13 heute abweichend auf Gleis 4 verkehrt – vor allem dann, wenn die S-Bahn bereits auf Gleis 4 einfährt …

Bei einer zu erwartenden Verspätung von mindestens 20 Minuten am Zielort, ist die Zugbindung Ihrer Fahrkarte ohne besondere Bescheinigung aufgehoben und kann für eine alternative Reiseverbindung genutzt werden. Der Erwerb einer neuen Fahrkarte für die alternative Reiseverbindung ist nicht notwendig. Bitte prüfen Sie kurz vor der Fahrt noch einmal Ihre gebuchte Verbindung, damit Sie rechtzeitig auf andere Züge ausweichen können.

Auch hier lädt man die Verantwortung ganz simpel auf den ZAHLENDEN Kunden ab: „Bitte prüfen SIE kurz vor der Fahrt …“

Bei den folgenden Änderungen im Fernverkehr können Sie auch von der Reise zurücktreten und wir erstatten Ihnen selbstverständlich den Fahrpreis ohne Abzüge.

Na, das ist doch mal ein tolles Entgegenkommen: Die DB AG verzichtet tatsächlich auf die Bearbeitungsgebühr, wenn der Fahrgast aus Gründen, die die Bahn zu verantworten hat, seine Fahrt nicht antreten will bzw kann. Bravo! Toll! Danke, liebe Bahn! …

– geänderte Abfahrtszeiten, aus denen eine verspätete Ankunft am Zielort von mindestens 20 Minuten entsteht
– Änderung der Produktklasse (z. B. IC statt I CE) und/oder Ausfall der 1. Wagenklasse

Wir hoffen, Sie bald wieder an Bord unserer Züge begrüßen zu können.

Helfen Sie uns unser Angebot und unseren Service weiter zu verbessern. Beantworten Sie dazu bitte nachfolgende Fragen unter Umfrage bahn.de. Vielen Dank.

Mit freundlichen Grüßen

Ihr Team von www.bahn.de

Immerhin bezog sich der Alternativ-Vorschlag auf den richtigen Tag – allerdings mit Umsteigen …

Detlef

 

Er fährt, er fährt nicht, er fährt …

Für Ende Oktober hatte meine Frau einen Bildungsurlaub auf Sylt gebucht. Wie hin und zurück kommen? Westerland liegt ja nicht gerade um die Ecke – der Routenplaner im Netz weist über 700 km aus, einschliesslich der Fahrt mit dem Autozug über den Hindenburgdamm. Mehr als neun Stunden Reisezeit …

Mit dem Flieger ab Köln/Bonn? Ja, bis Hamburg. Dann wird es eng, denn die private Gesellschaft, die von dort nach Sylt fliegt, operiert nur in den Sommermonaten. Hin käme sie noch mit dem Flieger, aber nicht zurück. Also auch keine wirkliche Alternative – vom CO2-Ausstoss einmal abgesehen.

Also die umweltfreundliche Alternative Bahn? Auch hier: Hinfahrt problemlos. mit einem durchgehenden Zug. Schön. Für die Rückfahrt sollte es nach Möglichkeit auch ohne Umsteigen gehen. Tatsächlich gab es einen Zug, der prima ins „Beuteschema“ passte:

IC2215 am 30.10.2021
13:26 ab Westerland/Sylt
20:50 an Köln/Hbf.

Irritierend war das Warnsymbol am Ende, hinter dem sich folgender Text verbarg:
„Bauarbeiten … Der Zug fällt zwischen Westerland/Sylt und Hamburg-Altona aus.“

Ein Blick auf die Details zeigte folgende Bahnhöfe, die in Hamburg angefahren werden:
HH-Dammtor
HH Hbf.
HH-Harburg


Hamburg Altona war dort nicht aufgeführt. Um sicher zu gehen, schickte ich am 10.07.2021 eine Mail an das „Reiseportal“ der Deutsche Bahn AG:

(nicht relevanter Text)
„… oder ganz konkret gefragt:

Fährt der IC 2215 am 30. Oktober ab Westerland/Sylt über HH Hbf.
und weiter nach Köln?“

Es kam die obligatorische Mitteilung, dass man meine Mail erhalten habe und schnellstmöglich bearbeiten werde. Bis dahin möge ich doch bitte etwas Geduld haben.

Die hatte ich – bis zum 30. Juli (mal gerade eben drei Wochen nach meiner Anfrage …). Also rief ich die „Service“-Nr. der DB in Berlin an (030-2970). Dort teilte man mir mit, der besagte Zug würde fahren. Um für den „Fall der Fälle“ etwas Schriftliches in der Hand zu haben, bat ich um eine entsprechende E-Mail.

Dazu sah sich die „Service(!)-Stelle jedoch weder zuständig noch im Stande. Ich möge mich doch diesbezüglich an den Fahrkartenservice wenden – was ich dann auch leicht genervt tat. Und dann wieder: „Warten auf Godot“ – ach nee, auf Antwort von der Deutschen Bahn …

Die Antwort kam natürlich nicht, dafür stellte Andrea fest, dass der IC 2215 in der Fahrplanauskunft nicht mehr angezeigt wurde. Ein Anruf bei der „Service“-Hotline verschaffte Gewissheit: der IC 2215 war gestrichen. Auf die schriftliche Bestätigung verzichtete ich diesmal.

Und dann kam – oh Wunder! – am 19. August doch noch eine Mail vom „Reiseportal“, die aber leider nur noch einmal das Chaos, das bei der Deutsche Bahn AG anscheinend herrscht sowie die totale Inkompetenz zahlreicher der dort arbeitenden (?) Angestellten unter Beweis stellte. Nachstehend die relevanten Passagen. Wer findet den Fehler beim ersten Durchlesen?

Sehr geehrter Herr Kleiss,

vielen Dank für Ihre E-Mail.

Die Überprüfung Ihrer Reiseroute von Westerland/Sylt bis Köln Hbf für den 31. Oktober 2021 hat ergeben, dass Ihre Verbindung von keinen Bauarbeiten betroffen ist.

Somit ist Ihre geplante Reise wie geplant möglich.
(nicht relevanter Text bzw. meine erste Mail im Zitat)

>
> Guten Tag,
>
> für den IC 2215 am 30.10.2021
> 13:26 ab Westerland/Sylt
> 20:50 an Köln Hbf.
>
> zeigt bahn.de folgende Warnmeldung an:
(…)

Danke, liebe Bahn, dass ihr mir bestätigt, dass der Fahrt meiner Frau am 31. Oktober nichts im Weg steht – dumm nur, dass sie eigentlich am 30. fahren wollte! Noch dümmer und geradezu peinlich, dass weder am 30. noch am 31. Oktober ein IC 2215 Westerland um 13:26 verlässt und durchgehend bis Köln fährt.

Ich kommentiere das jetzt lieber nicht …

Detlef

PS: Übrigens, die Frage nach einer durchgehenden Rückfahrtmöglichkeit hat sich leider erledigt. Die Dozentin ist längerfristig erkrankt und der Kurs fällt deshalb aus.



Tschöö, Martin …

Seine Cartoons waren teilweise schwärzer als eine totale Sonnenfinsternis und abgrundtief makaber – nicht umsonst erschienen seine jeweils neuesten Werke auf seiner Homepage unter dem Titel „Abgründe“.

Wer aufgrund seiner Karikaturen einen Psychopathen wie Norman Bates aus Alfred Hitchcocks Film „Psycho“ oder zumindest einen schrulligen, abgehobenen Sonderling in ihm vermutete, der lag total daneben. Im Gegenteil: Er war „ne janz leeven Kerl“, wie der Rheinländer sagen würde.

Ich erinnere mich noch gut daran, wie ich vor einigen Jahren per Mail bei ihm anfragte, ob er eine seiner Zeichnungen als Gewinn für eine Schul-Tombola zur Verfügung stellen würde (Fans zahlten damals schon für diese, noch unkolorierten Rohzeichnungen 50 Euro und mehr).

„Kein Problem“ meinte er, ich solle vorbeikommen, das Blatt abholen. Er wollte kein grosses Aufheben davon machen, mit Presse oder so. Er sandte mir auch zwei Vorschläge zu, die mit „Schule“ zu tun hatten. Da war einmal das „Waffenlädchen“ -zugegeben, eine mehr als makabere Auseinandersetzung mit den damaligen Massakern an Schulen in den USA und auch hier in Deutschland. Beim zweiten Vorschlag erklärt ein Lehrer, welchen Ursprung der Name des von Marie Curie entdeckten Poloniums hat.

Insbesondere vom letzten Vorschlag war der „Lehrkörper“ der Schule alles andere als begeistert – man würde sich ja selbst der Lächerlichkeit preisgeben. Das ginge natürlich gar nicht und ob der Künstler denn nicht etwas „Harmloseres“, vielleicht sogar mit Bezug zu der Schule zeichnen könne … Ich hatte meine Lektion gelernt: „Deutsche Lehrer und Humor – das passt nicht zusammen …“

Kurz: Aus der Karikatur als Tombolagewinn wurde nichts. Dafür entwickelte sich ein sporadischer Mailverkehr zwischen uns. Die nächste persönliche Begegnung war einige Jahre später bei einer Finissage in seiner Heimatstadt Wesseling.

In der letzten persönlichen Nachricht auf seiner Homepage schrieb er, dass er leider wieder auf der „Ausser-Gefecht-Station“ liegen würde … Am 31. Juli ist Martin Perscheid im Alter von nur 55 Jahren in seiner Heimatstadt dem Krebs erlegen.

Danke Martin, für die vielen humvorvollen, hintergründigen, satirischen, schwarzen, politisch inkorrekten und-ich-weiss-nicht -was-für Karikaturen. Sie werden uns fehlen. DU wirst uns fehlen …

Detlef

 

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Der gute Geist der Heide

Pfingsten 1993 war ich das erste Mal mit ihm in der Lüneburger Heide auf Tour – da war Gerd Paschi 61 Jahre alt, frühpensionierter Postler und leidenschaftlicher Wanderer. In der Lüneburger Heide kannte er buchstäblich jede Heidschnucke beim Namen und jeden noch so versteckten Trampelpfad – weshalb er auch nicht nach Karte wanderte; die Wege, die er ging, waren auf den offiziellen Wanderkarten oft genug gar nicht vorhanden …

„Pfingsten in der Heide“ wurde bald schon zum fixen Termin, auf den ich mich jedesmal schon Monate im voraus freute. War mir manche Meinung von Gerd zunächst noch etwas suspekt, so änderte sich dies durch meine langsame Abkehr vom Christentum und ich konnte Aussagen wie „Mein Gott ist im Wald“ oder die Bitte „Lieber Baum – gib uns deine Kraft“ an eine Jahrhunderte alte Eiche nicht nur stehen lassen, sondern sogar nachvollziehen.

In manchen Jahren war ich gleich zweimal mit Gerd unterwegs: Erst zu Pfingsten und dann eine ganze Woche im August, wenn die Lüneburger Heide in voller Blüte steht. Natürlich freute ich mich auch auf die Buchweizentorte, die es traditionell am Ende der Wanderungen gab …

Auch an Gerd gingen die Jahre nicht spurlos vorüber und so entschloss er sich schweren Herzens, die Touren nach fast vierzig Jahren abzugeben. Dass Gerd mich bat, erst die Pfingst- und später auch noch die Heideblüte-Wanderung zu übernehmen, war für mich wie ein Ritterschlag und eine grosse Ehre.

Gemeinsam mit Andrea habe ich dann beide Touren weitergeführt – bis das Deutsche Jugendherbergswerk als Veranstalter der Meinung war, ein oder zwei Jahre zu pausieren. Die Pause dauert bis heute an …

In den letzten Jahren ging es Gerd körperlich immer schlechter, immer seltener war er in der Lage, die Wanderschuhe zu schnüren und in der von ihm so geliebten Heide unterwegs zu sein. Vor einigen Tagen nun erhielt ich von seinem Sohn die Mitteilung, dass Gerd bereits 2019 nach einer Herz-Operation nicht mehr aufgewacht ist – und er seine „letzte Wanderung“ angetreten hat, wie es im Nachruf heisst.

Dass diese Wanderung ihn in die Heide führt, daran besteht für mich kein Zweifel. Und es sollte mich nicht wundern, wenn demnächst Touristen, die sich in der Heide verirrt haben, von einem freundlichen, weisshaarigen Wanderer in beiger Jacke berichten, der aus dem Nebel auftauchte, sie zielsicher zu ihrem Parkplatz geführt hat – und danach ebenso plötzlich wieder verschwunden war – der gute Geist der Heide…

Detlef

… und plötzlich Grossvater

Da sass ich nun, gemeinsam mit anderen Müttern und Vätern beim Infoabend des Kindergartens „Apfelbaum“, in den unsere Älteste demnächst gehen sollte.

Dann kam eine der Mitarbeiterinnen, auf Kind gemacht,herein. Ihr Fahrrad festhaltend stellte sie sich vor die Eltern: „Bald komme ich in den Kindergarten – aber was muss ich da alles mitnehmen und beachten? Könnt ihr Erwachsenen mir das sagen?“

Diese Szene ist mir noch so lebendig, als wäre sie gestern passiert – und jetzt bringt das kleine Mädchen aus dem Kindergarten eine gesunde Tochter Marie zur Welt! Kann doch gar nicht sein, die war doch letzte Woche noch im KiGa … Denkste! Die Zeit rast. Über zwanzig Jahre sind seit dem Infoabend vergangen und aus dem Kindergarten-Kind ist eine junge Frau und Mutter geworden. Und ich so ganz nebenbei Opa! Was soll ich dazu noch sagen? – Natürlich:

Herzlich willkommen, Marie!

Detlef

Kienzle hat ausgefragt

Dienstagabend, 21:00 Uhr war mein Fernseher in der Zeit von ca. 1995 bis zum Jahresende 2000 mit fast 100%iger Sicherheit eingeschaltet. Denn dann lief im ZDF „Frontal“ , ein Politmagazin,bei dem – damals noch ungewohnt – zwei Moderatoren durch die Sendung führten. Da war zum einen der glatzköpfige und eher konservative Bodo Hauser, zum anderen der schnauzbärtige, progressiv eingestellte Ulrich Kienzle.

Der Dialog zwischen den Beiden zum Ende jeder Sendung ist legendär und wurde damals schnell zum geflügelten Wort:

Hauser: „Noch Fragen, Kienzle?“
Kienzle: „Ja, Hauser …“
es folgte ein verbaler Schlagabtausch zwischen den Beiden zu einem aktuellen Thema. Beendet wurde er in der Regel durch
Hauser: „Na dann – guten Abend!“

Die Pensionierung Kienzles Ende 2000 bedeutete gleichzeitig auch das Ende von „Frontal“. Das neue Format „Frontal 21“ mit Theo Koll konnte nie an den Erfolg des Vorgängers anknüpfen. Der frühe Tod Bodo Hausers im Jahr 2004 machte die Hoffnungen vieler Frontal-Fans auf eine Neuauflage der Sendung zunichte.

Nun starb auch Ulrich Kienzle am 16. April mit 83 Jahren in Wiesbaden.

Detlef

Happy Birthday, alter Schwede ;-)

Vor 45 Jahren stürmte er mit „Moviestar“ die Hitparaden in Europa – allein in Deutschland hielt sich das Lied über einen Gemischtwarenladen-Verkäufer, der sich als Filmstar sieht, nachdem er in einem Werbespot mitgespielt hat, über ein halbes Jahr in den Charts.

Bei seinem nächsten Lied „Motorcycle Mama“ wurde ich dann auf den damals 25 Jahre jungen Schweden aufmerksam, der stets barfuss und mit Spazierstock auftrat. Er wurde einer der Musiker, die mich durch meine Pubertät ins junge Erwachsenenalter (und darüber hinaus) begleiteten.

Harpo 2012

Das lag wohl auch daran, dass der Sänger, der seinen Künstlernamen als Hommage an einen der „Marx Brothers“ trug, auf seinen LPs nicht nur seine Chart-Erfolge, sondern auch leise Lieder mit tiefgreifenden Textenveröffentlichte. „Japanese Winter“ etwa, ein Lied über den Atombomben-Abwurf auf Hiroshima, „The End of Time“ über die Unschuld der Kinder oder „I Do Believe“. Aber auch „Smile“ aus dem Charlie Chaplin-Film „Modern Times“. Und natürlich „Jessica“ – ein Lied, das Namensgeber für meine jüngste Tochter wurde 🙂

Auf Oldie-Festivals hierzulande ist er immer wieder ein gern gesehener Gast. Heute (am 5. April) wird er siebzig Jahre alt: Jan Svensson, besser bekannt als Harpo. In diesem Sinne: Happy Birthday, oder auf schwedisch:

Grattis på födelsedagen, Harpo!

Detlef

Das Foto wurde von Udo Grimberg aufgenommen und steht unter der Creative Commons by-sa-3.0 de, CC BY-SA 3.0 de Lizenz.

Hilfe – ich höre WDR 4 !

Hätte mir jemand vor einigen Jahren prophezeit, dass ich WDR 4 nicht nur hören, sondern ich den Sender auch in der Favoritenliste meines Radios abspeichern würde – ich hätte ihn für verrückt erklärt! Das vierte Radio-Programm des Westdeutschen Rundfunks hatte bei mir den Spitznamen „Welle Heino“ – Synonym für deutschen Schlager und „Volksmusik“ á la „Und die Tuba spielt der Huber – Willkommen im Musikantenstadl“. Gruselig, Gänsehaut erzeugend und einfach nur zum Ab- oder Umschalten!

Nun sind ein paar Jahre ins Land gegangen und mein Musikgeschmack hat sich … nicht geändert! Aber der Westdeutsche Rundfunk hat diverse Programm-Reformen erlebt. So auch WDR 4:  Dort werden jetzt vorwiegend internationale Hits aus den 1960er bis 1980ern gespielt. Die Musik also, die mich von der Pubertät bis ins junge Erwachsenenalter begleitet hat: Harpo zum Beispiel, aber auch Suzi Quatro, Smokie, Hot Chocolate, Slade, Queen, George Baker Selection, Pussycat und, und, und …

Da werden Erinnerungen wach, an Ilja Richters „disco“ zum  Beispiel, in der es für damalige Verhältnisse tolle Preise zu gewinnen gab: „Der Gewinner des 1. Preises ist zu Gast in meiner nächsten Sendung, einschliesslich Bahnfahrt 2. Klasse und Übernachtung in München! 2. Preis: Ein Plattenspieler, 3. Preis: Ein Kofferradio!“ O-Ton Ilja Richter.
Welcher Teenager von heute liesse sich wohl durch diese Preise zum Mitmachen motivieren?

Wenn Chris Normans Reibeisenstimme aus dem Lautsprecher kommt, denke ich unwillkürlich an die Konzerte von Smokie in der damaligen Kölner Sporthalle (ja, ich bekenne: Ich war und bin Smokie-Fan) und den immer gleichen Gag nach dem ersten Lied, wenn Chris fragte „Does anybody here speak English?“ und diese Frage mit „Ik sprecke nämlich kein Deutsch“ begründete 🙂

Bei den Songs von Harpo fällt mir spontan ein, , dass dieser Sänger für seine Überzeugung einen gewaltigen Karriereknick Kauf genommen hat: Er verweigerte aus Gewissensgründen den Wehrdienst. Da dies in den 70er Jahren in seiner Heimat Schweden illegal war, musste er eine vierwöchige Gefängnisstrafe antreten. Danach konnte er – zumindest in Westeuropa – keinen Hit mehr landen.

Wie so viele Jungs in meinem Alter fand ich damals die Mädels von Pussycat irgendwie „süss“ und war ein bisschen in Suzi Quatro verknallt .. ihre Musik höre ich heute noch gerne.

Da passt doch irgendwie der Slogan, den WDR 4 noch zu Schlagerzeiten benutzte: „Schönes bleibt“. Den ergänze ich durch ein „in Erinnerung“ 🙂

Detlef